Nach dem Gewaltritt vom Vortag gab es diesmal eine mit 70 km etwas kürzere und auch insgesamt etwas leichtere Etappe. So viel weniger Höhenmeter waren es am Ende zwar gar nicht, aber sie waren irgendwie anders, gleichmäßiger verteilt.

Zudem war die Aussicht auf den kommenden Pausentag in Oban auch mental erfrischend. Allerdings erst im Verlauf der Strecke, denn ich brauchte nahezu endlos, bis ich endlich aufbrach. Das übliche kleine Café war zu entspannend und die Aussicht auf einmal mehr brennende Beine wirkte noch eine ganze Zeit aufbruchsverhindernd. Gegen 12 schaffte ich es aber doch irgendwann, meinen Proviant zu kaufen, zu verpacken und mich auf den Weg zu machen. Das heißt zuvor hatte ich noch einen vergnüglichen kleinen Plausch mit einem Herrn, der auf mich zukam, als ich den Supermarkt verließ. Er hatte mich gestern auf dem Campingplatz gesehen und hatte das drängende Verlangen mich eindringlich darauf hinzuweisen, dass ich niemals das Radfahren aufgeben möge. Er hätte dies vor vielen Jahren getan und würde es sehr bedauern. Daraus ergab sich dann ein fast 20 minütiges Gespräch über Autos, Asien und Anzeigengestaltung. Durchaus beschwingter ging es nun also endlich los.

Was als kleine Transitionsetappe geplant war, ließ sich dann auch in den ersten 1,5 Stunden genauso an. Ruhige Radwege entlang des Crinan Canals und durch weitläufige Felder sowie die Erkenntnis, dass ein bisschen Musik beim Radfahren gar kein schlechter Begleiter ist, ließen die ersten 25 km wie im Flug vergehen.

Aus irgendeinem mir heute nicht mehr klaren Grund hatte ich eine Sehenswürdigkeit am Wegesrand in den Streckenverlauf integriert. Das war historisch gesehen auch gar nicht so uninteressant, denn es handelte sich hier um eine Burg, Carnasserie Castle, von der aus der erste protestantische Bischof der Inseln rund um Schottland seine Worte verkündete. Der Turm war auch noch weitgehend in Schuss und wurde von mir daher umgehend als geeigneter Ort für den Mittagssnack auserkoren. Akustisch schade, aber dann doch wieder anekdotisch wertvoll, waren die Gartenpflegekräfte, die ihr rasenmähendes Werk hier und dann taten.

Der weitere Verlauf des Tages war von tollen Aussichten und teils kräftezehrenden, aber doch erträglichen Anstiegen gekennzeichnet. Schade bloß, dass ich, in Oban endlich angekommen, die Hinweise zum Campingplatz übersehen haben muss, deutlich am Ziel vorbeischoß, da es kräftig bergab ging und dann – nicht wirklich überraschend – ebenso kräftig wieder strampeln musste, bis ich mein Zelt aufschlagen konnte.

Unbedingt erwähnt sei der skurrile Verwalter des Platzes, der optisch ein wenig an Chappy, den Vollstrecker aus Donnerlippchen erinnerte, aber vor allem durch seine trocken-freundliche Art und seinen flinken Elektroroller, mit dem er permanent den Campingplatz in allen Richtungen durchbrauste in Erinnerung blieb.

Der Ort Oban übrigens ist durchaus quirlig, wenn man bedenkt, wie ruhig und bedächtig es hier in dieser Gegend ansonsten zugeht. Ich war noch nicht lange genug unterwegs, um direkt einen Kulturschock zu erleiden, aber dennoch sind hier plötzlich wieder Menschen auf den Straßen. Als ziemlich originelles Merkmal hat Oban einen Nachbau des Kolosseums zu bieten. Was sich wie ein Scherz liest - liest sich auch als solcher, wenn man die Hintergrundgeschichte kennt. Ein reicher Bankier des Ortes, John Stuart McCaig, hat zum Ende des 19. Jahrhunderts den Bau in Auftrag gegeben, damit die Arbeiter Obans im Winter etwas zu tun haben. 

Für diesen Tag gibt es einen Sonderpreis für harte Arbeit zu Ehren des Protestantismus. Außerdem scheint mir der Agenda 2010 Award für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für das Kolosseum angebracht.

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