Der Mittwoch verlief in ziemlicher Entspannung. Ich rollte nur 40 und ein paar gequetschte Kilometer die Küste runter. Dabei passierte ich die schon erwähnten Klassiker Prestwick und Royal Troon. Die sahen schon nach echter Klasse aus, keine Frage.

Völlig natürlich und dennoch top gepflegt, so wie es die Spitzenlinks in Schottland nun einmal sind (s. Dornoch oder Nairn). Für diese aktuelle Reise wären sie dennoch irgendwie unpassend gewesen, da sie ein Atmosphäre des Elitären ausstrahlten und genau das soll diese Reise ja eben nicht sein. Trotzdem schön, hier einfach vorbeizuradeln. Übrigens auf dem ersten wirklich guten Radweg, nachdem ich Newcastle hinter mir gelassen habe. Es hat richtig Spaß gemacht, hier, geschützt vor Autos dahinzurollen.
Für die Nacht hatte ich mir, nach dem Sand-und-Regen-Desaster von gestern Abend, eine nette Pension gesucht. Ein helles und relativ neu ausgestattetes Zimmer ließ meine Laune weiter steigen, die Aussicht auf meine reservierte Abschlagszeit auf eine Golfplatz in Troon entspannt auf den Nachmittag blicken. Auf diesem Platz, so geht die Marketinglegende dieses Clubs, hat sich der große Jack Nicklaus einst für seine erste Open qualifiziert. Na ja, muss ich mal recherchieren, wenn ich wieder zurück bin.
Diese Entspannung ließ mich wohl einen Augenblick auf dem Bett einnicken und ein paar Minuten zu spät wieder aufwachen. So wurde es dann leider eine ziemlich sportliche Anfahrt zum 12 km entfernten Golfplatz. Ich verpasste meine Abschlagszeit zwar wenige Minuten, aber die im dortigen Club Zuständigen fanden das nicht weiter schlimm und ließen mich einfach loslegen. Allerdings frage ich mich: Warum? Denn leider fand ich mich mitten in mehreren Spielgruppen, die ihr Mittwochsturnier spielten. Während ich an der 1 mit einem Clubmitglied loszog, ein wirklich netter Kerl, David, wenn ich mich richtig erinnere, fing es auf der zweiten Bahn recht heftig an zu regnen, was meinen Mitspieler zur Umkehr nach drei Löchern bewog. Verständlich, wenn man den Platz jeden Tag spielt, hätte ich nicht anders gemacht. Aber so fand ich mich dann leider in der Situation, dass vor mir mehrer Spielgruppen waren, die wirklich jeden Ball 5 Minuten zu suchen schienen. Wer mich auf dem Golfplatz kennt weiß, dass es nicht zu meinen ganz großen Stärken gehört, zu warten. Zunächst ließ mich dann eine der Gruppen durchspielen, was aber so gar nichts brachte, da die Gruppe davor noch viel unnachgiebiger suchte. So wurde das nichts. Ich bog also ab und spielte die eine oder andere Bahn noch mal, trainierte ein bisschen vor mich hin. Mittlerweile hatte es wieder aufgehört zu regnen, sich so die Zeit zu vertreiben kann sehr entspannend sein. Nachdem ich dann allerdings ungefähr eine halbe Stunde auf einer Bahn mit Pitchen, Chippen und Putten verbrachte, dann die nächste in Angriff nahm und schon am Ende dieser wieder die Gruppe vor mir erreicht hatte, konnte ich zu keinem anderen Schluss kommen: Nicht jede Golfrunde muss zu Ende gespielt werden. Ich ging also querfeldein zum Rad zurück, fuhr zu meiner Pension und genoß den Luxus einer trockenen Unterkunft für die Nacht.
Am nächsten Tag ging es wieder nur ein paar Kilometer weiter nach Ardrossan. Von dort ging die Fähre nach Campbeltown auf der Halbinsel Kintyre. Bestes Wetter und wieder eine äußerst angenehmer Radweg machten das zu einem reinen Vergnügen. Allerdings wurde das noch deutlich getoppt, von der Begegnung, die ich am Fährterminal hatte.


Zunächst sei noch festgestellt, dass sich Adrossan auf den ersten Blick doch deutlich von anderen Städtchen an der Küste unterscheidet, zumal solchen in Deutschland. Es ist keine Rede von Prosperität, die Tourismus für ein lauschiges Küstenstädtchen so mit sich bringt. Wenn man sich die Fassaden der Häuser hier ansieht, dann kommt unweigerlich der Gedanke, dass der vielbeschriebene Niedergang der schottischen Fischereiindustrie, die der EU und den Brüssler Fischereikontingenten zugeschrieben wird, hier zu sehen ist. Ein Teil des Brexits.
Zurück zum Fährenterminal. Vor dem Gebäude saß ein offensichtlicher Radtourist. Etwas dünner, etwas älter als ich, saß er auf einer Bank und beaufsichtigte zwei Gravelbikes mit der heute modernen Bikepacking-Austattung. Ich fragte ihn nach dem Prozedere hier und er meinte, dass es da wohl keine großen Geheimnisse gäbe und seine Frau gerade auf dem Weg wäre, die Tickets zu lösen. Ich tat es ihr gleich und als ich wieder herauskam, wartete die beiden auf mich und wir kamen ins Reden. Es handelte sich um zwei IT-Flüchtlinge, ursprünglich aus Birmingham, mittlerweile an der Küste in Wales wohnend. Sie vertrieben sich die Zeit größtenteils mit ausgiebigen Radreisen auf der Insel und in Europa. Mit weniger Gepäck, aber großen Distanzen. Gerade waren sie zurückgekehrt von einer Reise entlang der Weinstraße am Rhein, voller Erinnerungen. Es wurde ein sehr vergnüglicher Nachmittag. Wir hatten noch 2 Stunden bis zum Einschiffen zu verbringen und taten das in einem spanischen Restaurant mit einem schottischen Koch in Ardrossan. Ein schräger Typ, der uns noch mit einer Extra-Portion Fisch verwöhnte und mich mit einer kleinen Deutschlandfahne – es blieb uns ein Rätsel, warum er ausgerechnet einen Vorrat von diesen hatte. Wir vermuteten, dass er mal eine sehr große Bestellung von spanischen Fahnen zur Dekoration bestellt hatte, aber leider mit Schwarz-Rot-Gold beliefert wurde. Der Lieferant hat dann nur die Schultern gezuckt und gesagt: Sind doch beide in der EU. Die Deutschlandfahnen durfte er dann behalten und die spanischen sind hoffentlich nachgeliefert worden.
Auch die Zeit auf der Fähre ging dank der Unterhaltung wie im Fluge. Ein richtig schöne Begegnung.
Schon im Dunkeln kam ich dann nach vier Stunden Überfahrt auf Kintyre an und musste noch knapp 20 Minuten zu meiner Herberge für die nächsten drei Nächste radeln. Kein Frage, dass der Regen sich bis zu diesem Zeitpunkt zurückgehalten hatte. Ziemlich triefend kam ich an dem wunderschönen und isoliert gelegenen Landhaus an, das wie eine Oase in der regnerischen Dunkelheit wirkte.

Ein sehr guter Abschnitt, alles in allem. Lediglich die Golfrunde trübt die Wertung. Daher gibt es 91 von 100 Radreisende, aber nur 35 Golfwanderer auf der nach oben offenen Skala.

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