Anstruther war nur als Durchgangsstation gedacht, aber die letzte Nacht hatte mich doch ziemlich mitgenommen, so dass ich kurzerhand die kleine Hafenstadt, die nur wenige Kilometer von St. Andrews entfernt liegt, zum Ziel der Etappe machte und mich dort in einem B&B einmietete.

Dabei gibt es durchaus gute Gründe, um Anstruther auch ohne Vindaloo-Attacke zum Reiseziel zu machen: Die mutmaßlich beste Fish&Chips-Bude des Landes, ein hübsch anzusehender 9-Loch Platz, der das schwerste Par 3 in UK beheimatet, einen ehemaligen Atombunker, der während des kalten Krieges unter einem gewöhnlichen Wohnhaus lag und heute eine Touristenattraktion ist, die entspannte Atmosphäre des Ortes, mit einer schönen, lebhaften und bunten Hafenpromenade. Von diesem Hafen aus kann man auch eine Fähre zur kleinen Insel Isle of May nehmen, die ein Refugium für Papageientaucher ist.

Ich hatte Anstruther vor allem deswegen im Kopf, weil ich das Buch von Andrew Greig, Preferred Lies, so gerne lese. Ich habe es HIER schon mal als eine bedeutende Motivation für meine Reise erwähnt. Greig ist in Anstruther aufgewachsen und beschreibt in seiner Erzählung den hiesigen Golfplatz und vor allem die Erinnerung an seinen verstorbenen Vater im Kreise seiner Golf-Freunde. Das fand ich immer schon rührend und daher war der Ort immer Teil meines losen Reiseplans gewesen.

Während ich den Atombunker, der wohl unterirdisch die Größe zweier Fußballfelder hat, als schottisches Kontrollzentrum für den Fall eines Atomkrieges gedacht war und heute als „Scotland’s best kept secret“ superlativ für Touristen vermarktet wird, genauso wie die Papageientaucherinsel ignorierte, sah ich mir die anderen Attraktionen aus nächster Nähe an.

Tatsächlich ist die Anstruther Fish Bar schon mehrfach als „Best Fish and Chips Shop“ in Schottland ausgezeichnet worden und 2009 endlich als beste Fischfriteuse von ganz UK. Da musste ich hin, ganz klar. Meine Verdauung war nach einem Nickerchen im B&B wieder weitgehend im Normalzustand und dafür hatte ich jetzt aber Hunger. Also schwang ich mich auf mein Rad und rollte zum Hafen. Dort lässt sich die Bar schnell finden, allerdings auch leicht mit dem Fish-And-Chips-Laden am anderen Ende der Straße verwechseln, wenn man nicht aufpasst. Die Türpolitik ist in der AFB deutlich rigider als in anderen Imbissbuden: Beim Betreten des Restaurants wurde ich sehr bestimmt darauf hingewiesen, dass ich doch bitte zu warten hätte, bis man mir einen Tisch zuweisen würde. Was für Prinz William, Robert De Niro und Tom Hanks in Ordnung war – und ich nehme an, dass die auch warten mussten -, werde ich sicher nicht hinterfragen. Die Wartezeit betrug nur sehr hungerverträgliche 20 bis 30 Sekunden, dann wurde ich zu meinem Tisch geführt. Das war es nun aber auch mit Aufregung. Ich bestellte den Klassiker, wählte die hausgemachte Sauce Tartare dazu und wurde kurze Zeit später mit den Leckereien verwöhnt. Ich nehme an, dass mein Geschmackssinn noch vom selber heraufbeschworenen Chiliterror in Mitleidenschaft gezogen war – anders kann ich mir sonst nicht erklären, warum ich keinerlei Unterschied zu irgendeiner anderen Backfisch mit Pommes-Variante, die ich in den letzten Wochen zu mir genommen hatte, herausschmecken konnte. Aber lecker war es in jedem Fall. Die 1000 Schritte nach dem Essen machte ich bei bestem und schöne Farben stiftendem Wetter im stimmungsvollen Hafen.

 

Als ich wieder zu meinem nächtlichen Refugium zurückkehrte, bemerkte ich, dass ich mich unmittelbar doch gleichwohl unbewusst neben dem hiesigen Golfplatz eingemietet hatte. Daher machte ich noch einen kurzen Spaziergang rund um das Gelände. Der Platz liegt zu zwei Dritteln auf einer Ebene oberhalb einer Klippe, das restliche Drittel liegt dann zu beiden Seiten der Ebene. Eine sehr attraktive Lage, die mich sehr an den Platz erinnerte den ich in wenigen Tagen wieder besuchen würde und den ich vor einigen Jahren schon mal gespielt hatte: The Glen im schönen North Berwick, der zwar golferisch durchschnittliche, aber landschaftlich überaus attraktive Nachbar des berühmten North Berwick West Links. Aber ich greife unzulässigerweise vor. Zurück ins Dort und Damals. Bei malerischer Abendstimmung streifte ich am kleinen Golfplatz entlang und freute mich über meinen Plan, vor der morgigen Tour, die mich zur schottischen Hauptstadt führen sollte, noch schnell eine 9-Loch-Runde hier zu spielen.

Beim Frühstück traf ich die anderen Gäste. Eine vielleicht 70-jährige Dame und ihre Tochter, die mein Alter gehabt haben mag. Die Mutter hatte an diesem Tag Geburtstag und war auf ganz rührende Art aufgebracht ob der Aufmerksamkeit, die ihr geschenkt wurde. Als die B&B-Betreiberin dann noch eine sprühende Wunderkerze auf einem kleinen Kuchen hereinbrachte, flossen einige Tränen. Die Tochter hatte die Mutter offensichtlich zu einem Ort ihrer Jugend gebracht, um hier den Ehrentag mit ihr zu begehen. Während das Geburtstagskind einen Augenblick benötigte, um die Fassung wiederzuerlangen, plauderte ich mit der Tochter, die eine passionierte Rennradfahrerin war, über den Zustand des Radwegenetzes bis nach und in Edinburgh, wo die beiden wohnten. Sie meinte, dass ich mich auf eine angenehme Strecke über ruhige Nebenstraßen und kurz vor Edinburgh auf die Fahrt über die Forth Road Bridge freuen dürfe. In Edinburgh selbst gäbe es sehr gute Radwege um die Stadt herum und in sie hinein. Innerhalb der Stadt wäre eher üblich, sich in den normalen Verkehr einzugliedern. So sprach sie und so tat ich es. Vielleicht habe ich auch nur nicht richtig hingesehen oder war zu Zeiten unterwegs, in denen das wahre Erleben nicht möglich war, aber tatsächlich ist der Verkehr in Edinburgh nicht mit dem nervigen Verkehrsaufkommen in andere Städten ähnlicher Bedeutung zu vergleichen; selbst mit dem vollgepackten Horst konnte ich relativ problemlos durch die Straßen manövrieren.

Mit der Vorfreude auf die Fahrt im Handgepäck rollte ich zum Golfplatz. Von sichtbarem Spielbetrieb konnte keine Rede sein und so konnte ich meinen Plan in die Tat umsetzen. Neben meiner Vorfreude hatte ich aber scheinbar noch etwas anderes im Handgepäck: Die Erinnerung an Señor El Hosel, den Socket, den ich vorgestern in St. Andrews geschlagen hatte. An Loch 3 wurde mir das Handgepäck zu schwer und ich nahm den Socket heraus. Was folgte, war wirklich schockierend: Ich schlug von einem sicheren Platz auf dem Fairway aus den ersten Socket ins Rough, von dort einen weiteren auf die Nebenbahn und dann noch einen bei einem Pitch zum Grün. Das Wort Kontrollverlust bekam eine sehr gut wahrnehmbare Form. Dass ich dann im Folgenden überhaupt noch einen Ball getroffen habe, liegt auf der internationalen Wunderskala irgendwo zwischen dem Koloss von Rhodos und der Verwandlung von Wasser in Apfelschorle. Da mein Martyrium durch die drei Sockets in Folge ja auch schon hinreichend groß sein dürfte, nehme ich an, dass die Heiligsprechung nicht mehr lange auf sich warten lassen kann. Alles andere wäre kleinlich, meine ich. Apropos Wunder: Eine gute Gelegenheit eines zu vollbringen wäre auch ein Birdie auf dem Par 3, das 2007 von Todays Golfer zum schwersten seiner Art in Großbritannien gekürt wurde. 220 Meter lang, rechts eine überwucherter Hang, links das Meer, das Grün ist vom Abschlag aus nicht zu sehen und hängt zudem in alle Richtungen. Lediglich die Tatsache, dass es vor dem Grün ein Stück Fairway gibt, dass man anspielen kann, um das Loch als Par 4 zu spielen, macht das Ganze zu einer realistischen Spieloption für den Normalgolfer. In meiner Erinnerung ist aber selbst dieses Fairway nicht ganz so einfach zu treffen. Wahrlich, ich sage euch: ein Wunderpar 3.

Insgesamt hat es aber enormen Spaß gemacht, auf diesem Platz zu spielen. Er liegt einfach zu bezaubernd, als dass das nicht der Fall sein könnte, zumal bei strahlendem Sonnenschein und leichter, den Charakter des Platzes unterstreichender Brise.

Der Weg nach Edinburgh war in der Tat ein Genuss und verging um Nu. Und tatsächlich war der Weg über die Forth Road Bridge, die nur Bussen und auf einer eigenen Fahrspur Fußgängern und Radfahrern offen steht, eine kleine Attraktion. Ich machte in der Mitte der Brücke eine kleine Pause, sah hinüber zur Forth Bridge, einer riesigen Eisenbahnbrücke, die zu ihrer Eröffnung im Jahr 1890 die größte Spannweite weltweit hatte und zudem die erste Brücke war, die komplett aus Stahl gefertigt wurde. Bis heute ist die Brücke in regulärem Betrieb, 200 Züge pro Tag passieren das Weltkulturerbe. Eine schönere Pause, eine schönere Brücke hätte es sein können, wenn ich nicht ausgerechnet dort der Führungstreffer für Mönchengladbach gefallen wäre. Da macht man nichts, die Saison wird mal wieder eines der unzähligen Übergangsjahre für Schalke. Aber im nächsten Jahr dann…

Kurz nach der Brücke traf ich dann tatsächlich auf die bereits angekündigten Radwege rund um Edinburgh. Sehr gute Infrastruktur, nahezu Schnellstraßen, das macht Spaß und es wird dringend notwendig, dass auch in Deutschland mehr davon gebaut wird. Die letzten Kilometer fuhr ich dann auf einer hellen und breiten Promenade Richtung Ziel. Bis mir dann mein allwissendes Telefon bedeutete, dass der Weg nach rechts führt und es nur noch 400 Meter sind. Dummerweise war dort einigermaßen dichter Wald zu sehen. Bei genauerer Untersuchung konnte ich einen schmalen Trampelpfad finden. Ich klappte also die Machete aus meinem Leatherman, schlug mich durch das Unterholz und setzte mich gegen Eichhörnchen und Kaninchen zur Wehr. Ganz offensichtlich war ich in einer äußerst wilden Gegend gelandet. Das wurde bestätigt, als ich tatsächlich hinter dem Waldstück eine breite Straße -möglicherweise hätte es einen komfortableren Weg gegeben- und den Campingplatz fand. Denn an der Rezeption wies man mich darauf hin, dass es in letzter Zeit ein größeres Problem mit Fahrraddiebstählen gegeben hätte. Machete Kills, dachte ich kurz, entschied mich dann aber doch lieber dafür, das Angebot anzunehmen und mein Rad in einem Lager hinter der Rezeption für die Nacht einzuschließen.

Bei einer gepflegten Dose Chili ließ ich den Abend ausklingen und grübelte darüber, welche Wertung es wohl heute geben könnte. Währenddessen schlief ich ein und träumte von Fisch, Pommes, einem Geburtstagskuchen, eine Dose Chili, und das alles serviert in einer silbernen Schale. Ich lächelte und überreichte dem Tag die Victoria-Trophäe. Ist doch viel schöner.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok