Auf dem Weg nach Osten geht es heute von Lossiemouth nach Fraserburgh. Damit wäre dann der äußere Osten der Insel erreicht. In einem Reiseführer habe ich gelesen, dass dieser Teil des Landes für Radreisen eher langweilig sei. Das kann ich nicht bestätigen.

Am Vorabend war ich nach meiner zweiten Runde auf dem New Course derart nass geworden, dass ganze Fischschwärme in meinen Schuhen ein bekömmliches Habitat finden konnten. Mittlerweile bin ich aber wohl schon deutlich mehr Camping-Experte, als ich es zu Beginn meiner Reise war. Relativ entspannt – die Temperatur war wenigstens nicht besonders niedrig – sammelte ich am Zelt angekommen ein paar warme Sachen zusammen, nahm eine heiße Dusche und verbannte die komplett durchnässten Klamotten in einem Plastikbeutel nach draußen und vertraute auf den Wäschetrockner am nächsten Morgen. Damit war ein Problem gelöst, dass ich vor wenigen Wochen weder gehabt hätte, noch ohne eine mittlere Überschwemmung in meinem Zelt hätte bewältigen können. Dem Gewohnheitscamper mag das nur ein Schulterzucken entlocken, für mich ich ist das eine erstaunliche Entwicklung, Stichwort: Komfortzone. Die Kampfflieger waren in dieser Nacht auch früher im Bett – die hatten wohl für morgen etwas besonders Lautes vor. So wurde es dann eine recht geruhsame Nacht und ich fühlte mich für die zwar lange, aber laut Plan meiner Navigations-App recht einfache Etappe bestens gerüstet.

Das Wetter war heute zwar nicht wieder eitel Sonnenschein, aber die Wassermassen des gestrigen Abends waren auch nicht zu sehen. Ein schöner grau-blauer Tag auf dem Sattel lag vor mir. Von Anfang an hatte ich aber irgendwie das Gefühl, dass es mit der langen, aber schnellen Flachetappe nicht so richtig klappen würde. Ein ums andere Mal ging es bergauf und bergab und der Weg wurde in jedem kleinen Ort ein bisschen komplizierter. Das war allerdings eine nette Abwechslung. Mehrfach musste ich den Eingang in die vorgesehene Route suche, zumeist, weil er in einer anderen Ebene lag. So stand ich zwar direkt über der Route, aber die Idee, einer steilen Treppe nach unten zu folgen, fand ich auch der Radrampe daneben zum Trotz nicht so gut. Also machte ich kehrt und suchte einen fahrbaren Weg. Das war im Übrigen gar nicht so schwer, weil ich an dieser Stelle einfach meinte, nach Betrachtung der Karte etwas schlauer als mein Navigator zu sein, der eine viel längere Route vorgeschlagen hatte, die dafür – das wusste ich jetzt – den unschlagbaren Vorteil hatte, auch tatsächlich fahrbar zu sein. In Erinnerung an meinen nervigen Abend am Strand (HIER geht es zum Artikel) würde ich mal sagen: Unentschieden :-)
Andererseits: Der Umweg, den ich nun zu fahren gezwungen war, führte mich durch das Dorf und in einer engen Gasse fand ich mal wieder zufällig eine kleine Oase. Eigentlich war eine richtige Pause noch gar nicht auf dem Programm, aber als ich an dem von außen kaum zu erkennenden Café vorbeirollte und las, dass dort der Kaffee vor Ort geröstet wird, konnte ich nicht widerstehen. Die Speyside Coffee Roasting Co. ist erst vor einem Jahr eröffnet worden, vermutlich aber gerade deswegen wird man dort besonders nett willkommen geheißen und zur Wahl des Kuchens auch noch beglückwünscht. Ich setzte mich an den längeren Tisch, zwei kleinere in der Ecke waren schon besetzt und der Rest der Fläche war von einem Kaffeeröster besetzt. Kurz nachdem mein in der Tat besonders guter Kaffee serviert wurde, setzte sich ein Paar, etwas, aber nicht wesentlich älter als ich, neben mich. Wir kamen ins Gespräch, als ich ein Taschentuch reichen konnte, dass ich zufällig mal zur Hand hatte, und wir plauderten dann lange über Radurlaube. Denn es stellte sich heraus, dass die beiden begeisterte Tandemfahrer waren. In dieser Konstellation hatten sie im letzten Jahr den Elberadweg befahren. Vor zwei Jahren habe ich diese Tour ebenfalls mit meinem lieben T. gemacht – ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie wir am Ende der Tour, die für uns in Dresden endete, morgens wach wurden, und nicht glauben konnten, dass uns der Fernseher tatsächlich den beschlossenen Brexit verkündete – und dieser Weg ist wirklich eine Empfehlung. Mein Gedächtnis verschweigt mir hier sicher etwas, aber ich kann mich an eine ausschließlich fahrradfreundliche Strecke erinnern, die von ansehnlich restaurierten Städtchen und entspannender Natur flankiert war. Allerdings kann ich mich auch daran erinnern, dass man zwei Straßen hinter den restaurierten Fassaden häufig weniger blühende Landschaften zu sehen bekam, Feldmarschall Potemkin hätte seine Freude daran und die besorgten Bürger freut es auch. Jedenfalls erinnerten wir uns gemeinsam an die vielen Störche (again what learned: Stork heißt Gevatter Adebar im Englischen), insbesondere im „Storchendorf“ Rühstädt. Nicht, dass einer von uns auf diesen Namen gekommen wäre, aber die Erinnerung an das Dorf mit den vielen Storchennestern ist noch sehr klar. Von Störchen war es dann ein inhaltlich überraschend kurzer Weg zu Seehunden, die wohl auf den kommenden Kilometern auf mich warten würden. Einmal mehr eine sehr nette Begegnung und eine glückliche Entscheidung, den Verlockungen der Kaffeepause zu folgen. Ebenfalls bestätigt wurde die Erfahrung, dass ich mich meinem Tagesziel nicht nennenswert genähert hatte, als ich im Café saß.
Ist das eine grundsätzliche Erkenntnis? Tagespläne dürfen, nein, müssen jederzeit geändert werden, wenn die Änderung dem Großen und Ganzen dient. Es ist nur deutlich schwieriger zu entscheiden, was das Große und Ganze ausmacht, wenn es mehr als eine handelnde und verhandelnde Person gibt. Die Hölle, das sind die anderen.
Nicht gerade höllisch, aber doch ziemlich herausfordernd wurde dann der Rest der Etappe. Zunächst mal wurde ich nass. Und dann wieder trocken. Und dann wieder nass. Diesmal allerdings so, dass ich die nächste Pause nicht aufschieben konnte. Immerhin fand ich eine Fish&Chips-Bude, in der ich mich nur aufwärmen, sondern auch kalorienbewusst stärken konnte. Mittlerweile war es schon deutlicher Nachmittag und ich hatte kaum mehr als ein Drittel der Strecke zurückgelegt. Auf diesem Drittel hatte ich aber schon ein paar der angekündigten Seehunde getroffen. Ich strampelte so vor mich hin, wie so häufig an der Küste entlang, aber mit vielleicht 200m Distanz zum Meer, ein wenig erhöht. Da vernahm ich plötzlich ein ungewöhnliches Geräusch, das ich zunächst ignorierte. Beim zweiten Mal konnte ich das fröhliche Klagen besser zuordnen und eine Gruppe der drolligen Meeresanrainer beim Spielen ausmachen. Ich lese allerdings gerade, dass Seehunde gar nicht sozial sind. Vielleicht also haben sie doch nicht gespielt, sondern es war ein blutiger Kampf um ein Fischhäppchen. So kann man sich irren, wenn man die Sprache des anderen nicht spricht.
Kommunikationsstörungen gab es auch weiterhin zwischen mir, der Straße und meinem Navigationsgerät. Im Unterschied zu Straßen, die einem beim Autofahren vom Wegfindungsassistenten angezeigt werden, ist auf dem Rad nicht jeder Weg sofort als solcher zu erkennen und verläuft manches Mal nur sehr knapp neben dem Weg rechts oder links und gabelt sich dann erst später. Auf der heutigen Etappe musste ich wiederholt umkehren, weil ich mal wieder einen Abzweig nicht gefunden und getroffen hatte. Auch war ich eigentlich zum ersten Mal mit eher rauem Untergrund konfrontiert (abgesehen von dem Sandweg, aber ich will nicht nachtragend sein. Doch, will ich wohl…), aber die Taschen und Träger machten keinerlei Mucken. Das alles wäre noch in Ordnung gewesen, aber auf den letzten 15, 20 km kam dann alles zusammen: Wind, Kälte und ein Geländeverlauf, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Ein ums andere Mal ging es einen Hügel hoch und wieder runter. Das waren jeweils einzeln nur kleine Erhebungen, es ging nur wenige Meter nach oben, aber in einer kräftezehrenden Wiederholung. Fast hatte ich den Eindruck, dass ich im Kreis fuhr, da die Strecke durch endlose Felder führte, sich die Umgebung also nur wenig veränderte, aber dieser Hügel sich sehr regelmäßig wieder vor mir aufbaute. Fast wirkte das Gelände in seiner Regelmäßigkeit wie modelliert.
Ich war nach diesem Abschnitt jedenfalls weichgekocht und dann kam zum Schluss ein Anstieg, der mich bekömmlich verspeiste. Seit vielen Tagen musste ich mal wieder absteigen und für einige Meter schieben, ich konnte nicht mehr. Immerhin war es danach aber geschafft. Es war zwar bereits dunkel geworden, ich hatte einfach zu sehr getrödelt zu Beginn des Tages.

 

Aber umso mehr überraschten mich die vielen Lichter, die mich in Fraserburgh erwarteten. Ich war ohne weitere Vorbereitung davon ausgegangen, dass mich eines der üblichen Dörfer erwarten würde, wenige hundert Einwohner und ein paar Häuserreihen. Ein wenig gewundert hatte ich mich schon über die Anzahl der Hotels, die zu buchen gewesen wären, denn ich wollte an diesem Wochenende das Gepäck mal wieder trocknen. Aber Fraserburgh ist eine für die hiesigen Verhältnisse größere Stadt mit immerhin 13.000 Einwohnern. Die sehr nette Dame, die mich dann im Hotel Willkommen hieß, meinte allerdings, dass es zwar so viele Einwohner seien, sie sich allerdings immer fragen würde, wo die wohl wären, denn auf der Straße sähe man nie jemanden. Das brachte mich zwar zum Schmunzeln, aber bestätigen konnte ich das dann am nächsten Tag nicht, denn ich fand ein durchaus wuseliges Stadtbild vor. Im Hotel fühlte ich mich auch sehr wohl und mein Stahlross fand ein trockenes Plätzchen auf dem Friedhof der kaputten Hotelstühle, der im Lagerraum über Jahre angelegt worden war.

Die Etappe bekommt in der cycgo-Wertung den Dinner-For-One-Preis für die meisten Wiederholungen.

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